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Lerndesign

(Last edited: Sunday, 11 February 2018, 6:16 PM)

Lerndesign ist eine Kompetenz, ein Prozess und ein Produkt und folgt den Prinzipien „Das Ziel ist das Ziel“ und  „Viele Wege führen nach Rom“.

Lerndesign steht zunächst für curriculare Entwicklungskompetenz. Im Hinblick auf den Lehrplan und die Ziele in den Bildungsstandards übersetzt und präzisiert die Lehrperson die fachlichen Inhalte für ihre Schülerinnen und Schüler, um das Fundament für ein robustes Curriculum als Laufweg des Lernens zu schaffen.

Ein Lerndesign ist aber auch ein Produkt, ein ein- bis zweiseitiges Dokument, das die inhaltliche Entwicklung (das, was am Ende beurteilt wird) im Vorfeld der methodisch-didaktischen Unterrichtsplanung kompakt erfasst, und es ist der Prozess, der zum Produkt führt.

Das ein- bis zweiseitige Produkt Lerndesign besteht aus Kernideen und Kernfragen, die den Ausgangspunkt für die anderen Elemente darstellen. Lernziele konkretisieren, was die Schüler/innen wissen, verstehen und tun können sollen. Vordefinierte Aufgaben und Kriterien für die Leistungsbeurteilung, welche im Einklang mit den Lernzielen sind, runden das Lerndesign ab.

Die Abbildung vom Wesentlichen ist ein Leitfaden für den Unterricht. Es steuert das WAS und nicht das WIE. So sind Lehr- und Lernprozesse nach dem ersten Prinzip „Vom Ende her – das Ziel ist das Ziel“ möglich, mit dem unverhandelbaren Ziel stets vor Augen. Für Lehrende und Lernende wird Handlungsspielraum auf dem Lernweg geschaffen, um Diversität proaktiv Raum zu schaffen und dem zweiten Prinzip „Viele Wege führen nach Rom“ gerecht zu werden. 

Warum und worum es geht

Die Schulwirksamkeitsforschung zeigt, dass Klarheit bei Zielen und Kriterien zu besseren Lernergebnissen führt. Lerndesign als Prozess für die inhaltliche Entwicklung des Unterrichts nach dem Prinzip „vom Ende her“ ist laut Hattie (2012, S. 93; deutsche Übersetzung 2014) ein zentrales Merkmal wirksamen Unterrichts. Lernen (und somit Lehren) beginnt mit „backward design“.

Diese Erkenntnisse zur Wirksamkeit des Prinzipes „vom Ende her“ sind nicht erst mit der Hattie Studie ans Tageslicht gekommen. Auf Basis Schulwirksamkeitsforschung entwarfen Grant Wiggins und Jay McTighe bereits zehn Jahre vor der Hattie Studie einen solchen Prozess für die Praxis unter dem Namen „Understanding by Design“. Ihr Modell diente als Ausgangspunkt für „rückwärtiges Lerndesign“ in der Entwicklung der Neuen Mittelschule (vgl. Wiggins & McTighe, 2005) aber auch z.B. für den Lehrplan von Alberta/Kanada. 

Im Rahmen der Schulentwicklung in Österreich wurde aus einem linearen Vorgang ein offener, dynamischer Prozess mit unterschiedlichen Einstiegsmöglichkeiten. So können Lehrerinnen und Lehrer von vorhandenen Ressourcen ausgehen, ob Aufgaben, Kriterien, Beurteilungsraster, Bildungsstandards, Lernzielen oder Kernideen, um das Produkt Lerndesign zu entwerfen.

Eine Kernidee des Modells ist „Form folgt Funktion“, d.h. die Form von Lerninhalten, Lernprozessen, Lernprodukten und Lernumfeldern soll mit den „big ideas“ und Lernzielen des Lehrplans übereinstimmen. „Bid ideas“ sind die Kernideen und Konzepte, die für lebenslanges Lernen und eigenständiges Handeln in der Gesellschaft nachhaltig und förderlich sind. McTighe und Wiggins betonen daher „enduring understandings“ oder „nachhaltige Verständnisse“ und „essential questions“ oder Kernfragen (vgl. McTighe&Wiggins 2013), die dem Lernen Sinn verleihen.

Lerndesign fördert und fordert Kompetenzorientierung, stärkt lernseitige Orientierung und ermöglicht lernwirksame Leistungsbeurteilung. Es kann das Rollenverständnis von Lehrpersonen von Unterrichtsplanern zu Gestaltern von Lernprozessen (vgl. Hattie, 2014) verändern.

Tafelbild Lerndesignarbeit

Kernideen zum Rückwärtigen Lerndesign

Wir gestalten Lehr- und Lernprozesse nach dem Prinzip "vom Ende her".
Das Ziel ist das Ziel.
Viele Wege führen nach Rom, aber Rom ist die Destination!
Curriculum ist der Laufweg des Lernens.
Inhalt ist der Reibebaum des Lernens.

Die Gegenüberstellung von „rückwärtigem Lerndesign“ und „konventioneller Stundenplanung“ bietet die Möglichkeit des direkten Vergleichs und zeigt gleichzeitig nochmals die elementarsten Kriterien für die Lerndesignarbeit auf.

Rückwärtiges Lerndesign

Stundenplanung konventionell

Das primäre Ziel ist Verstehen zu entwickeln und   zu vertiefen.

Das   primäre Ziel ist Stoff zu didaktisieren.

Die Lehrperson bestimmt das Wesentliche im   Lehrplan und setzt Prioritäten. Dabei ist „Mut zur Auswahl“ notwendig. Das   Lerndesign erfolgt „rückwärtig“  auf   Basis des Wesentlichen. (Ergebnisse→Leistungsaufgaben→Lernaufgaben) Die Planung   wird überwiegend von vorhandenen Lernmaterialien und Aktivitäten gesteuert.   Dabei ist „Mut zur Lücke“ notwendig.
Das Lerndesign macht Lernerfolg sichtbar, weil wir   die Lernenden bei der Anwendung in Handlungssituationen beobachten. Die   Lernenden werden auf Basis ihrer Mitarbeit, ihrer Erfüllung der Lernaufgaben   und ihrer Leistung bei einer Schularbeit, die am Ende eines Lernzyklus   zusammengestellt wird, beurteilt.
Lerndesign ist flexibel, damit wir die Qualität   kontinuierlich anhand der Lernergebnisse kontrollieren und bei Bedarf  adaptieren können. Die   Unterrichtsplanung idealisiert: relativ starr und eintönig nach einem   Idealbild oder einer spezifischen Klassengemeinschaft.
Lerndesign ermöglicht den Lernenden, zu erkunden,   zu interpretieren, anzuwenden, Perspektive zu ändern, sich einzufühlen und  sich selbst einzuschätzen. Diese Designfacette ermöglicht uns, den Lernstand   kontinuierlich zu beobachten. Die   Unterrichtsplanung fokussiert auf den Stoff, den die Lernenden „lernen“   sollen. Dabei bleibt „lernen“ diffus und „Selbstverantwortung“ wird   missbraucht.
 Lerndesign fördert die Zusammenarbeit aller. Lehrpersonen   planen ihren Unterricht oft allein. Wenn gemeinsame Planung stattfindet, dann   nur zur Koordination von Inhalten, Themen und Zeitplanungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Handlungsleitende Prinzipien

  • Think big, start small - but start!
  • Work smarter, not harder.
  • Arbeite nie härter als deine Schülerinnen und Schüler.
  • Das Ziel ist das Ziel.
  • Lerndesign ist der Kern unserer Arbeit.
  • Der Blick ist auf Lernziele, Aufgaben und Beurteilungskriterien gerichtet.
  • Lerndesign führt zu nachweislich besseren Lernergebnissen.
  • Lerndesign führt zu einer Orientierung an Kompetenzen.
  • Lerndesign führt zu einem Fokus auf Lernen.
  • Lerndesign führt zu akkurater, lernförderlicher Leistungsbeurteilung.
  • Lerndesign führt zu einem Wandel: Die Lehrperson als Gestalter/in von Lernen anstatt Planer/in von Unterricht.

Reflexionsfragen für die eigene Praxis

 Was ist der Sinn meines Faches? Welchen Bildungsauftrag hat mein Fach?

  • Was macht für mich den Zauber meines Faches aus? Was begeistert mich?
  • Welcher Funke soll auf meine Schülerinnen und Schüler überspringen?
  • Was bedeutet „Bildung“ für mich und was bedeutet das für meinen Unterricht?
  • Was ist das große Ziel?
  • Kann ich die „großen (langfristigen) Ziele“ meines Faches formulieren?
  • Woran sollen sich meine Schülerinnen und Schüler auch noch in 10 Jahren orientieren können, wenn sie handeln müssen?
  • Was können meine Schülerinnen und Schüler in der Schule lernen, das sie nicht außerhalb des Unterrichts lernen könnten?
  • Formuliere ich im Rahmen meiner Jahresplanung langfristige Zielsetzungen?
  • Setze ich mich bei der Unterrichtsplanung mit den Kernideen und Kernfragen der jeweiligen Themen auseinander?
  • Was sind die wesentlichen Kernideen, Konzepte und Prinzipien, die nachhaltig und unverzichtbar sind?
  • Bin ich mir darüber im Klaren, was meine Schülerinnen und Schüler am Ende eines Lernabschnitts/des Schuljahres in meinem Fach nachhaltig wissen, verstehen und tun können sollen? Plane ich rückwärts von den großen Zielen?
  • Wissen meine Schülerinnen und Schüler, wohin die Lernreise geht?
  • Sind Lernziele und Erfolgskriterien transparent und für jede/n klar?
  • Unterscheide ich bei den Lernzielen zwischen Wissenszielen, Verstehenszielen und Tun Können Zielen?
  • Stehen die Lernziele in Zusammenhang mit dem Lehrplan und den Bildungsstandards?
  • Wie stark und klar ist das von mir entworfene Curriculum als Basis für flexible Differenzierung?
  • Ist für meine Schülerinnen und Schüler der Lebensbezug spürbar und nachvollziehbar? Hat das, was in meinem Unterricht geschieht, Relevanz für meine Schülerinnen und Schüler?
  • Wie schaffe ich Anknüpfungspunkte? Wie ermögliche ich Vernetzung mit bereits Gelerntem?
  • Kann ich meinen Schülerinnen und Schülern den Sinn unseres gemeinsamen Tuns im Unterricht vermitteln?
  • Angenommen einer meiner Schüler/eine meiner Schülerinnen würde Folgendes gefragt, was würde er/ sie antworten? Was machst du gerade? Warum? Hilft dir das, um etwas besser tun zu können? Wie? In welcher Situation im Leben könntest du dies brauchen?
  • Welche Problemlösungsaufgaben sind unverzichtbar, um den Transfer zu beurteilen?
  • Kann ich authentische, respektvolle Aufgaben formulieren, die an einem Handlungsziel orientiert und glaubwürdig in dem Sinn sind, das es für Schülerinnen und Schüler vorstellbar ist, in ihrem Leben außerhalb der Schule mit einer solchen Situation konfrontiert zu werden?
  • Überlege ich mir bereits bei der Unterrichtsplanung Kriterien für die Leistungsbeurteilung?
  • Wie kompetent fühle ich mich bei der Erstellung von Beurteilungsrastern?

 

Literatur

Isecke, H. (2013). Lernziele setzen – Wege definieren. Unterrichtsplanung von der Reihe bis zur Einzelstunde. Verlag an der Ruhr.

McTighe, J. & Wiggins, G. (2013). Essential Questions: Opening Doors to Student Understanding. Alexandria, VA: ASCD.

Tomlinson, C. A., & McTighe, J. (2006). Integrating Differentiated Instruction and Understanding by Design. Alexandria, VA USA: ASCD.

Wiggins, G. & McTighe, J. (2005). Understanding by Design. Expanded 2nd Edition. Alexandria, VA: ASCD.