Themenraum Lerndesign

1. Worum geht es?

1.1 Das Ziel ist das Ziel

Das Ziel ist das Ziel

Ein Lerndesign zu einem Thema im Unterricht besteht aus

  • Kernideen und Kernfragen,
  • Lernzielen (Verstehen, Wissen und Tun-Können), die einen klaren Bezug zu den Bildungsstandards (BiSt) aufweisen,
  • einer oder mehreren authentischen Leistungsaufgaben, die den Lernerfolg sichtbar machen, sowie
  • Kriterien, anhand derer die Lernleistung/das Lernprodukt auf unterschiedlichen Qualitätsstufen beschrieben und letztendlich beurteilt werden kann.

Die Lerndesignarbeit ist eine Form von Unterrichtsgestaltung, die die Ansprüche von Lehrplänen und Bildungsstandards ernst nimmt. Sie ist auf Verstehen und Nachhaltigkeit ausgerichtet.

Unterrichtsplanung vom Ende her

Lerndesign ist ein Überbegriff für Unterrichtsentwicklung!

Ein Lerndesign ist eine Art der Unterrichtsentwicklung, die Inhalte im Vorfeld der methodisch-didaktischen Unterrichtsgestaltung kompakt erfasst. Auf der Basis von Lehrplan und Bildungsstandards präzisiert die Lehrperson die fachlichen Inhalte, um das Fundament für einen robusten „Laufweg des Lernens“ („course to be run“, Wiggins 2005, S. 6) zu schaffen.

In der Praxis bedeutet das, dass BEVOR noch mit den Schülerinnen und Schülern an einem Thema gearbeitet wird, aufbauend auf den Zielen, bereits die Leistungsaufgabe/n (= Prüfstand) und die Beurteilungskriterien erstellt werden. (siehe Themenraum: wirksame Beurteilungspraxis)

Lerndesign

  • ist ein Prozess für die inhaltliche Entwicklung des Unterrichts.
  • folgt dem Prinzip „vom Ende her“, weil dieses Prinzip wirksamen Unterricht kennzeichnet (s. Hattie).
  • orientiert sich an Kompetenzerwerb (Transfer = in der Lage, eigenständig in neuen Situationen zu handeln).

https://www.youtube.com/watch?v=NnrA9Zqk2Dw&list=PLBw2XKBNN8dr4PdzlTxZLqqw-7Yb5-_bN&index=1
https://www.youtube.com/watch?v=3kJf9DX4ex4&list=PLBw2XKBNN8dr4PdzlTxZLqqw-7Yb5-_bN&index=10

Klares Curriculum

Lerndesign steht zunächst für diese curriculare Entwicklungskompetenz, ein Terminus, der in der österreichischen Bildungslandschaft eher auf die Entwicklung von gesetzlich verankerten Lehrplänen angewendet wird. Nun lesen wir unter anderem bei John Hattie, dass ein „klares Curriculum“ entscheidend für qualitativ hochwertigen Unterricht ist. Was bedeutet dies im Kontext des Lerndesigns für jeden einzelnen Lehrer, jede einzelne Lehrerin? Es ist eine der Uraufgaben einer Lehrperson, die fachlichen Inhalte des Lehrplans bzw. die Hinweise in den jeweiligen Kompetenzmodellen der Bildungsstandards für die Arbeit im Unterricht zu übersetzen und zu konkretisieren. Die Inhalte dienen als „Reibebaum“ für Lehren und Lernen. Klares Curriculum führt zu…

  • besseren Lernergebnissen
  • Orientierung an Kompetenzen
  • Fokus auf Lernen und Verstehen
  • geschärfter lernförderlicher Leistungsbeurteilung

Zum Nachdenken: Oft wird die Überlegung der Auswahl der Unterrichtsinhalte nicht von der Lehrperson selbst wahrgenommen, sondern an das Schulbuch bzw. dessen EntwicklerInnen abgegeben.

Fokus auf Verstehen

Obwohl sich jede Lehrperson grundsätzlich zu einem verstehensorientierten Unterricht bekennen wird, fällt es oftmals schwer, den genauen Unterschied zwischen „Wissen“ und „Verstehen“ in Worte zu fassen. Dies haben Wiggins&McTighe (2005) in vielen Workshops mit Lehrpersonen festgestellt.

Viele Jahrzehnte wurde in der pädagogischen Lehre explizit vermieden, den Terminus „Verstehen“ in Zielformulierungen zu verwenden. Viele Lehrerinnen und Lehrer haben in ihrer Ausbildung gelernt, sich auf die Vermittlung von “Wissen“ zu konzentrieren. Dazu kommt, dass „ich weiß“, „ich kann“ und „ich verstehe“ in der Alltagssprache oft als untereinander austauschbare Aussagen verwendet werden, ohne genauen Fokus auf deren eigentliche Bedeutung.

Daher ist es eine unabdingbare Notwendigkeit, eine Klärung der Begriffe vorzunehmen.

Nach John Dewey (1933) lässt sich auf folgende Gegenüberstellung schließen:

Wissen Verstehen
Informationen kennen Bedeutung von Informationen kennen
zusammenhängende Informationen zur Verfügung gestellt bekommen die Fähigkeit besitzen, aus einer Vielfalt von Informationen zusammenhängende Informationen herauszufiltern
leicht beantwortbare Fragestellungen, die mit richtig/falsch bewertet werden können Fragestellungen, die auf unterschiedlichem Niveau beantwortet werden, erfordern den Einsatz von Scharfsinn.
Ich weiß etwas, nur des Wissens wegen! Ich verstehe, warum etwas so ist und warum es wertvoll zu wissen ist.
Ich antworte mit dem, was ich weiß. Ich wäge ab, wann es sinnvoll ist, mein Wissen zu nutzen und kund zu tun und wann nicht.

Bloom (1956) definiert Verstehen als die Fähigkeit, erlernte Fertigkeiten und Informationen durch Analyse, Synthese, Anwendung in der Praxis und der daraus resultierenden Selbstevaluation immer wieder neu anzuordnen und zu verknüpfen.

Ähnlich interpretieren dies Bransford & Johnson (in Chapmann, 1993, S.6 ff). Demnach ist Verstehen ein Prozess, bei dem alles, was im Gedächtnis verfügbar ist, auf seine Brauchbarkeit in der aktuellen Situation durchsucht wird, miteinander verknüpft und schließlich vernünftig eingesetzt wird. Verstehen wird somit zu einer „Gedankenchallenge“!

Unterricht, der hauptsächlich auf Drill und Üben fokussiert, kann eine Exzellenz in gewissen Fertigkeiten erzeugen, sowie viel Wissen auf Seiten der Schülerinnen und Schüler anhäufen – er macht aber keinesfalls handlungsfähig.

Handlungsfähig sein bedeutet im Stande zu sein, das erlernte Wissen und die erworbenen Fertigkeiten auf neue, manchmal auch verwirrende Situationen anzuwenden. Wie Bruner (1957) so schön formuliert: “The most characteristic thing about mental life, over and beyond the fact that one apprehends the events of the world around one, is, that one constantly goes beyond the information given.” - Handlungsfähig ist, wer im Stande ist, weiterzudenken, über das Offensichtliche hinaus zu schauen.

Unterricht, der auf Verstehen fokussiert, braucht in erster Linie andere Aufgaben, die in der Lage sind, diesen Transfer zu schulen und das Verstehen der Schülerinnen und Schüler für die Lehrperson sichtbar zu machen. In der zweiten Phase eines Lerndesign steht genau dies im Mittelpunkt.