Themen dieses Kurses

  • Herzlich willkommen im Themenraum Alternative Leistungsbewertung!
    Im Rahmen der Grundschulreform 2016 können Schulen für den gesamten Standort oder für einzelne Klassen bis einschließlich der 3. Schulstufe anstelle der Ziffernbeurteilung eine alternative Leistungsbewertung (ALB) einsetzen. Der Lehrplan der Volksschule bietet für eine individualisierende Leistungsbeurteilung unterschiedliche Möglichkeiten. Denn gerade in dieser ersten Phase der Bildungslaufbahn gilt es, den individuellen Lernfortschritt in den Vordergrund zu stellen. Wenn die Lernfortschrittsdokumentation als wertvolle, wirksame Rückmeldung gestaltet wird, trägt sie positiv zu weiterer Entwicklung bei. Drei Komponenten bilden in der Gesetzgebung die alternative Leistungsbewertung ab: die Dokumentation der Leistungen, das Bewertungsgespräch, die schriftliche Semester- und Jahresinformation.
  • REINDENKEN

    Alternative Leistungsbewertung ist seit 2016 in der Gesetzgebung für die Grundschule geregelt. Diese Option ermöglicht Schulen bzw. Klassen, Leistungsbeurteilung ohne Noten zu gestalten. Das klingt gut, ist aber keinesfalls leicht, denn gute Beurteilungspraxis setzt mit oder ohne Benotung viel an Fachwissen, Kompetenzen und Kommunikation sowie Werkzeuge, Routinen und Strukturen in der Lernumgebung voraus, damit es sinnvoll und wirksam ist.

    → Die Leitfäden zur Grundschulreform bilden die Basis dieses Themenraums.

    Die Rechtslage für Beurteilung bildet sich primär in der Leistungsbeurteilungsverordnung und der jeweiligen Lehrplanverordnung ab und schafft den Rahmen für eine faire und wirksame Beurteilungspraxis. Im Grundschulbereich wird die Bedeutung von Beurteilen pädagogisch betrachtet:

    „Die schulische Leistungsbereitschaft von Kindern wird wesentlich von ihrem Selbstwertgefühl, ihrem Selbstvertrauen und ihrer Erfolgszuversicht bestimmt. Leistungsbeurteilungen haben daher äußerst behutsam zu erfolgen. Der Rahmencharakter des Grundschullehrplanes eröffnet für eine ermutigende, hilfreiche und individualisierende Leistungsfeststellung und Leistungsbeurteilung ausreichende Möglichkeiten.“ (Lehrplan der Volksschule)

    Spannungsfeld Beurteilung

    Das obige Zitat aus dem Lehrplan deutet auf ein pädagogisches Spannungsfeld hin: Die Trennung von dem Mensch und der Leistung. Bewertet werden Leistungen, aber wie gelingt es, die Leistung separat von der Person zu betrachten? Wie gelingt es, positiv mit Fehlern und Scheitern umzugehen? Wie gelingt es, Menschen nicht zu vergleichen und somit im Bezug zu einander zu bewerten? Wie gelingt es, pädagogische Beziehungen so zu gestalten, damit das Bewerten am Erfolg orientiert ist?

    Bildungsprozesse und allen voran Erfahrungen mit Beurteilen und Beurteilt-Werden haben nachhaltige Wirkungen. Damit der Selbstwert von sich als Lernende (in der Psychologie die "Lernorientierung") und nicht von Leistung ("Leistungsorientierung") abgeleitet wird, braucht es eine Trennung von Selbst (Ich) und Leistung, denn Leistungen sind von dem Moment abhängig. In manchen Situationen werden sie begünstigt, in anderen nicht.

    Mit diesen Fragen und noch mehr hat sich Günter Funke auseinander gesetzt. Wertvolle Aufnahmen von manchen seiner Vorträgen sind auf YouTube anzuhören, z.B.:

    Personale Pädagogik: "Wer Bildung will, muss Beziehung schaffen" "

    "

    "Vom Sinn des Fehlermachens" 

    Beurteilung ist auch mit einem gesellschaftlichen Spannungsfeld verhaftet: Was und wie beurteilt ist keinesfalls standardisiert. Forschungsergebnisse zeigen seit den 1980er auf, dass Noten nicht aussagekräftig über die Leistungen der Schüler/innen sind, zuletzt in einer großangelegten Studie in Vorarlberg, die unter anderem die Verlässlichkeit von Noten in Hinblick auf Berechtigungsfragen beleuchtet hat. Siehe dazu:

    S. 2-3 aus Böheim et al. (2015), hier.

    S. 27.-28 aus "Gute Schule" von Hofbauer et al. (2015), hier.

    Reflexionsfragen

    • Was bewegt mich, Alternative Leistungsbewertung zu überlegen? Warum bin ich auf der Suche nach Alternativen?
    • Kenne ich den rechtlichen Handlungsraum für Beurteilung? Für Alternative Leistungsbewertung?
    • Was beurteile ich? Welche Kompetenzen sind wesentlich? Wie mache ich diese sichtbar?
    • Wie beurteile ich Leistungsqualität? Welche Leistungsmaßstäbe gelten? Welche Werkzeuge verwende ich?
    • Welche Informationen gewinne ich von meinem Beurteilungsprozess und wie nutze ich sie?
    • Wer braucht Information? Wozu Information? Was ist wichtig?
    • Was bedeutet Kompetenz? Wie werden Kompetenzen sichtbar?
    • Um besser zu werden, was für Feedback?

    Was macht gute Beurteilungspraxis aus?

    Eine gerechte, sachliche Beurteilungspraxis wirkt sich positiv auf das Lernen und Bildungsprozesse aus. Sie ist die Basis für wirksame Rückmeldung, die den Lernenden zum Erfolg führt.

    Wirksame Beurteilungspraxis besteht aus folgenden Teilen:

    • klare Lernziele (Verstehen, Wissen, Tun Können), die im Einklang mit Kompetenzbildern sind und das, was am Ende beurteilt wird, abbilden
    • relevante Aufgaben, die die Kompetenzentwicklung ermöglichen und erzielte Kompetenzen sichtbar machen
    • relevante Kriterien, die für die Beurteilung erbrachter Leistungen als Belege für die erzielten Kompetenzen relevant und lerndienlich sind
    • transparente und lerndienliche Rückmeldung für Schüler und Schülerinnen und deren Eltern bzw. Erziehungsberechtigte

    Daraus ergibt sich folgende Qualitätskriterien für lerndienliche, wirksame Beurteilungspraxis:

    • Kohärenz: Erzielte und beurteilte Kompetenzen, Zielbilder und Kriterien stimmen überein und sind im Einklang mit dem Lehrplan und den Bildungsstandards.
    • Transparenz: Die Lernzielformulierungen stellen dar, was am Ende beurteilt wird; Kriterien geben Orientierung. Die Schüler/innen und deren Erziehungsberechtigten wissen, worum es geht, welche Kompetenzen wesentlich sind und was zählt bei der Beurteilung von Leistungen. Verständigungsprozesse über Lernziele in Verbindung mit Kriterien und Anforderungen entsprechend der Schulstufe sichern, dass alle Beteiligten Lern- und Lehrprozesse zielgerecht steuern können. So können Selbst-und Peereinschätzung sowie  Dokumentation der eigenen Kompetenzentwicklung zunehmend erwartet werden.
    • Erfolgsorientierung: Leistungsbeurteilung wird zur Gestaltung von Lehr-/Lernprozessen genutzt, nicht zur Selektion bzw. Disziplinierung. Schüler/innen erleben ihre Selbstwirksamkeit und orientieren sich am Erfolg.
    • Relevanz: Lern- und Leistungsaufgaben sind für die Einzelnen sinnvoll.
  • SICH VERTIEFEN

    Lernen setzt Beurteilungskompetenz voraus - aber wie?

    Ohne Bewerten kommen wir im Leben nicht aus. Bewertungenmachen uns sogar handlungsfähig - Was werde ich heute anziehen? Was werde ich zum Frühstück essen? Fahre ich heute mit dem Fahrrad, Auto oder Bus in die Arbeit? Wir treffen tagtäglich unzählige Entscheidungen auf Basis unserer Bewertungen! Allerdings ist das Thema Bewerten bzw. Beurteilen in der Schule oft ein unangenehmes, oft weil der Eindruck entsteht, dass Menschen beurteilt werden. Dies kann passieren, besonders dann, wenn der Mensch von seiner Leistung nicht separat wahrgenommen wird.

    Leistungsbeurteilung gelingt, wenn Lehrer/innen die Unterrichtsziele klar vor Augen haben und transparente, fachbezogene Kriterien für die Beurteilung der Leistungen formulieren. Um Leistungsbeurteilung professionell und pädagogisch sinnvoll zu gestalten, hilft es, die Praxen der Leistungsbeurteilung zu schärfen.

    → Welche Norm? Es gibt drei Normen, die zum Vergleichen bei einer Bewertung herangezogen werden können. Welche verwende Sie?

    Beurteilung für Lernen? Ja! Leider ist die Beurteilung von Lernen, d.h. von Leistungen am Ende einer Lernphase, häufig im Fokus. Beurteilungsprozesse haben aber dann eine kraftvolle Wirkung, wenn Beurteilung im Dienst des Lernens steht. Das nennt sich "formative Leistungsbeurteilung" in der Fachsprache. Es lohnt sich, dieser Funktion der Beurteilung ins Zentrum zu stellen. Mehr dazu hier.

    → Welche Werkzeuge, Routinen und Strukturen? Wirksame Beurteilungspraxis wird begünstigt, wenn entsprechende Werkzeuge, Routinen und Strukturen vorhanden sind. Mehr dazu hier.

    → Wie gestalte ich Leistungsbewertung ohne Noten? Dafür braucht es Leistungsdokumentation, Gesprächsführung und Semester- bzw. Jahresinformation. Beispiele finden Sie hier.

    Reflexionsfragen

    • Was ist fair? Wie wird Bewertung von Leistung gerecht gemacht?
    • Wie schaffe ich Verlässlichkeit und Vergleichbarkeit bei der Bewertung von Kompetenzen?Was ist ehrlich? Warum ehrlich?
    • Was ist Objektivität? Wie kann ich das beschreiben?
    • Was prüfen? Welche Kompetenzen?
    • Wie prüfen? Welche Aufgaben?
    • Welche Ansprüche für welche Schüler/innen? Gleiche oder unterschiedliche Ansprüche? Wie wirkt sich das langfristig aus?
    • Wer bestimmt den Maßstab? Wie messen? Wie Messergebnisse interpretieren? Wozu?
    • Was wirkt positiv? Was wirkt negativ?
    • Was ist bewiesen? Was ist Spekulation?

    Zum Anschauen

    Die 3 Praxen der Leistungsbeurteilung mit Tanja Westfall-Greiter, Oktober 2011,

    Basisinformation

    Weiterführende Literatur

    • Arens, S. & Mecheril, P. (2010). Schule – Vielfalt – Gerechtigkeit. In: Journal für Lernende Schule: Band 49.
    • Bönsch, M., Kohnen, H., Möllers, B., Müller, G., Nather, W. & Schürmann, A. (2010): Kompetenzorientierter Unterricht. Selbständiges Lernen in der Grundschule. Braunschweig: Westermann.
    • Chappuis, S. & Stiggins, R. J. (2002). Classroom Assessment for Learning. In: Educational Leadership: Jahrgang 60, Nummer 1. S. 40-43. http://www.ascd.org/publications/educational-leadership/sept02/vol60/num01/Classroom-Assessment-for-Learning.aspx
    • Derfler, B., Kiemayer, R. & Leitner, G. (2012): Kinder-Eltern-Lehrergespräche: Wege zu einer stärkenorientierten und wertschätzenden Kommunikation in Grundschule und Sekundar­stufe. Steyr: Ennsthaler.
    • Keller, S. & Westfall-Greiter, T. (2014). Wirksames Feedback für wirksamen Unterricht. In: Unterricht Englisch. Peer-Feedback: Jahrgang 48, Band 130.
    • Neuweg, H.G. (2014). Schulische Leistungsbeurteilung. Wien: Trauner.
    • Schmidinger, E., Hofmann, S. & Stern, T. (2015). Leistungsbeurteilung unter Berücksichtigung ihrer formativen Funktion. In: Nationaler Bildungsberichts 2015. S. 59-94. http://www.bifie.at/wp-content/uploads/2017/05/NBB_2015_Band2_Kapitel_2.pdf
    • Stern, T. (2008). Förderliche Leistungsbewertung. Wien: ÖZEPS. https://www.bmb.gv.at/schulen/unterricht/ba/leistungsbewertung_stern_17212.pdf?61ed9e.
    • Weinert, F. E. (2001). Concept of Competence: a Conceptual Clarification. In: Rychen, D.S. & Sagalnik, L.H. (Hrsg.): Defining and Selecting Key Competencies. Göttingen: Hogrefe. S. 45 – 66.
    • Wiliam, D. (2014, April). Formative assessment and contingency in the regulation of learning processes. Paper presented in a symposium entitled Toward a Theory of Classroom Assessment as the Regulation of Learning at the annual meeting of the American Educational Research Association (AERA), Philadelphia, PA. http://www.dylanwiliam.org/Dylan_Wiliams_website/Papers.html
    • Winter, F. (2015). Lerndialog statt Noten. Neue Formen der Leistungsbeurteilung (Pädagogikpraxis). Weinheim: Beltz.
  • DAMIT ARBEITEN

    Der Einsatz einer alternativen Form der Leistungsbewertung ist eine Entscheidung, die weitreichende Auswirkungen für Unterricht und Lernen hat.

    Unabhängig von der Form der Dokumentation (Lernfortschrittsdokumentation, Portfolio, Lernzielkatalog) bietet diese für die Lehrperson mehrere wichtige Verwendungsmöglichkeiten: sei es zur Rückmeldung von Lernständen bzw. Lernfortschritten oder die Grundlage für ein Elterngespräch und/oder Bewertungsgespräch als auch zur Beilage zur Semester- und Jahresinformation (ausgenommen der Beschreibung des Sozialverhaltens und der Persönlichkeitsentwicklung). Vorausgesetzt die Dokumentation ist in einer für das Kind verständlichen Form verfasst, so dient es ihm sowohl als Orientierungsmöglichkeit („Was kann ich schon?“) als auch Arbeitsgrundlage („Wo bin ich am Weg zum Ziel?“). Damit gibt diese Dokumentation die Möglichkeit für eine kriteriengelenkte Rückmeldung in der Peergroup. Für die Erziehungsberechtigten ist sie ein unterstützendes Instrument, um die Entwicklung ihres Kindes zu erkennen und zu fördern.

    Reflexionsfragen

    • Welche Auswirkungen hat die ALB auf meinen Unterricht und das Lernen der Kinder?
    • Welche Aussagekraft haben Lernziele im Sinne der Beschreibung der unterschiedlichen Qualitätsstufen von Kompetenz?
    • Wie kommen die Kompetenzen der Kinder zum Ausdruck? Wie formuliert man diese?
    • In welchem Ausmaß sind unterschiedliche Komplexitätsstufen der Lernziele in Dokumentationsvorlagen erkennbar?
    • Wie kann eine Dokumentationsform Aufschluss über die nächsten Schritte, die nächsten Lernziele oder der weiteren Gestaltung der Lernumgebung geben?
    • Welche Resonanz erzeugen folgende Aussagen?: „Das kann ich nicht.“ bzw. „Das kann ich noch nicht.“

    Basisinformation

    Bundesministerium für Bildung (2017). Informationen zum Bildungsreformgesetz 2017 sowie Informationen zur Semester- und Jahresinformation – Rundschreiben 20/2017. https://www.bmb.gv.at/ministerium/rs/2017_20.html.

    Jäckl, C. & Moser, H. (2017). Leitfäden zur Grundschulreform. Wien: BMB. https://www.bmb.gv.at/schulen/bw/abs/vs_alb_grundschule.pdf?67ofi5

    Empfehlenswertes Material

    Weiterführende Literatur

    Westfall-Greiter, T. (2012). Orientierungshilfe Leistungsbeurteilung. Teil 2: KEL-Gespräche. Innsbruck / Baden: Bundeszentrum für lernende Schulen.

    Westfall-Greiter, T. (2012). Mitarbeitsfeststellung: Werkzeuge und Strategien. Innsbruck / Baden: Bundeszentrum für lernende Schulen.

    Westfall-Greiter, T., Schlichterle, B. (2016). Werkstätten Lerndesignarbeit. Innsbruck / Baden: Bundeszentrum für lernende Schulen.

  • GEMEINSAM ENTWICKELN

    Sei es die Verbesserung der Qualität der bisherigen Formen der Leistungsbeurteilung oder die Einführung der Alternativen Leistungsbewertung, beide Felder öffnen einen Raum zur Schulentwicklung, bei dem einzelne Teams oder gar das gesamte Kollegium der Schule sich einbringen können. Die Initialzündung kann an verschiedenen Stellen erfolgen: über die Auseinandersetzung mit Grundsätzlichem zum Thema Lernen, der Entdeckung der Lernseitigkeit, gemeinsames Erarbeiten von Zielbildern und Erarbeiten von Lernzielen oder beispielsweise die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Aufgabenkultur.

    Im Zielbild stehen die Darstellung von Dokumentationsformen und/oder das qualitätsvolle Bewertungsgespräch.

    Reflexionsfragen

    • Welche Ansätze zur formativen bzw. alternativen Leistungsbeurteilung existieren bereits an unserer Schule?
    • Welche Good-Practice-Beispiele und Erfahrungsberichte machen Eindruck?
    • Wo sind die Orte und die Zeitgefäße für den Austausch über Leistungsbewertung bei uns am Standort?
    • In welcher Form kann SQA zur Entwicklung beitragen?

    Zum Anschauen

    "Lernen und Lehren bedingen einander - aber wie?" Vortrag von Michael Schratz zum Thema "Lernseits des Geschehens", 2012, Wien.